Strohreiter
Internationale Freundschaften können das historische Gedächtnis bewahren
Der expressionistische Schriftsteller und Dramatiker Ernst Toller gehörte zu Eisensteins engeren Bekannten während seines Aufenthalts in Berlin 1929/1930. Obwohl Eisenstein dem Expressionismus skeptisch gegenüberstand, waren sich beide sicher einig in ihrem gemeinsamen Interesse am künstlerischen und politischen Potential der Massen - "Masse Mensch" ist eines der wichtigsten Stücke Tollers.
Einem orientalischen Brauch folgend bot Ernst Toller Sergei Eisenstein während seines Besuchs bei ihm zu Hause an, etwas als Geschenk für sich selbst auszusuchen. Um keinen Anstoß zu erregen, wählte Eisenstein etwas, von dem Toller ein Paar besaß: Einen von zwei geflochtenen Strohreitern aus Mexiko. Und doch hatte Eisenstein am Ende das Gefühl, seinen Gastgeber furchtbar beleidigt zu haben. Er erinnerte sich noch Jahre später daran und beschrieb es in seinen Memoiren: Später hatte er erfahren, dass der von ihm ausgewählte Reiter ein Geschenk von Elisabeth Bergner, der unerfüllten Liebe Ernst Tollers Lebens, gewesen war!
Als die Nazis an die Macht kamen, emigrierte Toller mit nur einem Koffer. Seine Wohnung und sein Besitz wurden bereits in der Nacht des Reichstagsbrandes im Februar 1933 zerstört. Übrig geblieben ist nur der Strohreiter, der in Eisensteins Haus aufbewahrt wurde und damit eine weitere östliche Weisheit beweist: "Was du verschenkst, behältst du für immer."
Vielleicht hing Eisensteins Wahl des mexikanischen Strohreiters mit einer unbewussten Vorahnung zusammen: 1929, auf dem Weg nach Hollywood, wusste Eisenstein nicht, dass keines seiner Projekte in den Vereinigten Staaten verwirklicht werden würde, und dass er nach Mexiko gehen würde, um den Film "Que viva Mexico!" zu drehen, der, unvollendet geblieben, ein Klassiker des mexikanischen, russischen und weltweiten Kinos werden sollte.
(Quellen: Eisenstein - YO. ICH SELBST; In the Master's Home, Gespräch mit Naum Kleiman, https://www.ernst-toller.de)